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Einheit verloren! – Die Teilung Eibergs vor 100 Jahren
In seinem Vortrag griff der Vorsitzende Christian Schlich das geschichtlich interessante und gleichsam emotionale Thema der Teilung Eibergs vor 100 Jahren auf, als 1926 die damalige Großgemeinde Königssteele mit dem „Gesetz über die Neuregelung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirk“ mit der damals selbständigen Stadt Steele im Landkreis Essen unter Verschiebung der Provinzialgrenzen zusammengelegt wurde. Er berichtete über die ersten Ansätze von Eingemeindungsideen aus den Jahren 1807 und 1863. Erst durch den enormen industriellen Aufschwung des Bergbaus und der Eisenindustrie sahen sich die Behörden dazu veranlasst, die bevölkerungsmäßig übergroßen Kreise und Ämter neu zu fassen und aufzuteilen. Insbesondere der Kreis Bochum, der damals der bevölkerungsreichste in Preußen war, wurde in den Kreise Bochum (neu), Gelsenkirchen und Hattingen aufgeteilt, wobei auch 1885 das Amt Königssteele im Kreis Hattingen neu geschaffen wurde. In den über 10jährigen Beratungsjahren kam meist von Steeler Seite bzw. vom Präsidium der Rheinprovinz immer wieder auch die Anregung zur Vereinigung der Gemeinden Königssteele, Freisenbruch, Horst und Eiberg mit der Stadt Steele. Aber mit der Schaffung des Amtes Königssteele am 1.4.1885 war zunächst nicht mehr an einen Zusammenschluss zu denken. Erst als die Zeche Eiberg 1904 von der Gewerkschaft Zeche Ewald aufgekauft wurde zwecks Erhöhung ihrer Kohlensyndikatsanteile und 10 Jahre später stillgelegt wurde, kamen insbesondere die Landgemeinden im Umfeld der Zeche Eiberg in Nöte, da erhebliche Steuereinbrüche und Arbeiterabwanderungen damit verbunden waren. So unternahm die Landgemeinde Eiberg erste Gespräche mit den Nachbargemeinden über einen Zusammenschluss zu einer Großgemeinde. Doch der 1. Weltkrieg führte zu einem erliegen der Gespräche. Erst 1919 nahm man die Gespräche wieder auf und schloss sich am 1. April 1919 zur Großgemeinde Königssteele zusammen, in denen die Gemeinden Horst, Freisenbruch und Eiberg aufgingen und ihre Selbständigkeit verloren. Dies war aber nur ein erster Schritt, da sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik durch die Spartakisten-Unruhen, den Kapp-Putsch und später durch die Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen und Belgiern ab 1923 immer weiter verschlechterten. Hohe Arbeitslosigkeit, Hungersnöte, Inflation und sinkende Steuereinnahmen brachten die Kommunen dazu, sich zu tragfähigen Gebietskörperschaften zusammenzuschließen.
In der Angelegenheit einer Vereinigung von Stadt Steele mit der Großgemeinde Königssteele war auch ein Gutachten vom Siedlungsverband des Ruhrkohlenbezirkes in Auftrag gegeben worden. Das Gutachten vom 15. Februar 1923 führte darin aus:
„...Die eigentlichen Siedlungskerne von Steele und Königssteele stellen eine geschlossene Einheit dar. Das entstehende Gemeindewesen bildet auch eine wirtschaftliche Einheit und wird die erforderliche Tragfähigkeit zur Lösung der gemeindlichen Aufgaben besitzen. Steele erhält auf diese Weise das unbedingt erforderliche Siedlungsgelände. Der Ortsteil der früheren Gemeinde Eiberg stellt eine überwiegend landwirtschaftlich genutzte Fläche dar und besitzt stärkere Beziehungen zur Gemeinde Linden-Dahlhausen. Dieses Gebiet ist für das neue Gemeinwesen entbehrlich. Die vorgeschlagenen Grenzen entsprechen den Erfordernissen der allgemeinen Richtlinien des Eingemeindungsgutachtens. Insbesondere berücksichtigen sie die Grundsätze, dass Arbeits- und Wohnstätten möglichst in einer Gemeinde liegen und dass die Grenzen den Entwässerungsverhält-nissen sich anpassen sollen. Die neu entstehende Provinzialgrenze ist frei von Einbuchtungen bzw. vorspringenden Winkeln...“
Durch dieses, für Eiberg verheerende Gutachten wurde Eiberg nun zum Spielball für die benachbarten Akteure, obwohl seitens des Landkreises Essen, der Stadt Steele und der Großgemeinde Königssteele stets energisch die Vereinigung Steeles mit der kompletten Großgemeinde Königssteele unter Einschluss des ungeteilten Ortsteils Eiberg vertreten wurde. Die sich anschließenden Diskussionen zu dem Gutachten wurden aber durch die Besetzung des Ruhrgebietes 1923 zunächst in den Hintergrund gedrängt. Erst 1926 kam es zu einer Gesetzesvorlage beim Preußischen Landtag, die auch verabschiedet wurde. Obwohl mehrfach auf ein vollständiges Zusammengehen der Stadt Steele mit der ungeteilten Großgemeinde Königssteele insistiert worden war, kam es 26.02.1926 zur Verabschiedung des Gesetzes mit den für Eiberg so unheilvollen Auswirkungen auf das Gemeinwesen, denn keine der anderen beteiligten Gemeinden hatte so viel Land abtreten müssen wie Eiberg. Während das alte Gemeindegebiet von Königssteele unbehelligt blieb und Freisenbruch sogar einen Zugewinn von 581 Einwohnern mit dem Haferfeld von der Gemeinde Sevinghausen verzeichnen konnte, musste Horst einen kleinen Teil im Südosten an die Gemeinde Linden-Dahlhausen abgeben. Mit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. April 1926 – also vor nunmehr 100 Jahren – wurde Eiberg sehr hart getroffen, da es den Nordosten mit 459 Einwohnern an die Stadt Wattenscheid und den südöstlichen Teil mit 273 Einwohnern an die Gemeinde Linden-Dahlhausen verlor. Insgesamt verblieben lediglich ca. 53% der ursprünglichen 3,66 km² großen Landgemeinde Eiberg in der Stadt Steele. Die Stadt Steele indes wuchs durch dieses Gesetz auf 33.624 Einwohner an und bekam insgesamt einen Gebietszuwachs von 8,4 Quadratkilometer. Mit dieser unheilvollen Zerteilung war Eiberg nun auf drei Gebietskörperschaften verteilt und durch die neue Provinzgrenze zwischen Rheinland und Westfalen geteilt. Die Einheit ging verloren. Diese Umstände führten in der Folge zu einem Verdrängungsprozess der Eiberger Ortsbezeichnung bis in unsere Tage. Kein Verkehrshinweisschild weist mehr auf diesen Ortsteil hin. In den Stadtplänen und -karten findet man den Namen Eiberg nur selten und wenn nur sehr klein. Lediglich der Name des S-Bahn-Haltepunktes ESSEN-EIBERG hält die Erinnerung wach. Doch die Geschichte lehrt uns, dass bis heute diese Ortsbezeichnung immer noch bei den Bürgerinnen und Bürgern Verwendung findet. Doch braucht sich auch heute der Essener Teil Eibergs keinen Vergleich mit anderen Stadtteilen Essens scheuen. Auf der Grundlage des Zensus 2011 lebten auf dem historischen Gebiet Eibergs mit einer Größe von rund 1,95 km² ca. 3.820 Einwohner. Somit liegt Eiberg bezogen auf Fläche und Einwohnerzahl vor den Stadtteilen Fulerum, Rellinghausen und dem Essener Westviertel. Im Vergleich dazu lebten 2011 auf dem Bochumer Teil Eibergs rund 1.250 Einwohner auf 1,71 km².

